Horta

Horta

Michi
Die ersten Tage in Horta begrüßten uns mit strahlendem Sonnenschein. Von unserem Ankerplatz hinter der schützenden Mole aus hatten wir einen schönen Blick auf die malerische Stadt, die saftig-grünen umliegenden Hügel, sowie die gegenüber liegende Insel Pico mit ihrem alles überragenden Vulkan Pico, der sich allerdings oft in Wolken hüllte. Alle Segler müssen nach ihrer Ankunft zu allererst einen PCR-Test machen (auch und obwohl wir gerade 3 Wochen von sowas von einer Quarantäne hinter uns hatten und alle vollständig geimpft sind). Deswegen wurden wir am Montag- Morgen, zusammen mit anderen Neuankömmlingen, vom Boot abgeholt und zum derzeit als Testzentrum umfunktionierten Fähren- und Kreuzfahrt-Terminal gebracht. Dort machte man einen Nasen- und Rachen-Abstrich, auf dessen Ergebnis wir nun zu warten hatten. Dieses kam schon am Abend: alle negativ; welche Überraschung.

Gleich am Dienstag Früh tuckerten wir dann mit dem Dinghi an Land und bewunderten erst einmal ausgiebig hunderte von kleinen Gemälden, für die der Hafen von Horta bekannt ist. Seit Jahrzehnten hatten Segler ihre Ankunft in Horta mit bunten, teils wunderschönen und sehr kreativen Kunstwerken auf die Stege, die Molen, auf Sitzbänke, Hafengebäude und alle freien Flächen dort dokumentiert. Teilweise wurden Weltkugeln mit den Umsegelungs-Kursen gemalt, teilweise die Boots-Logos, teilweise ganze Geschichten und natürlich jede Menge Schiffe. Dazu konnte man die Schiffs- und Crew-Namen lesen und das Datum. Manche hatten die ganze Welt schon drei- oder viermal umsegelt, mehrere erzählten  von der „Thor Heyerdahl“, einem „Classroom  under sail“ (also einem Schiff, das mit einer Schulklasse unterwegs ist), eines entdeckten wir von der „Guppy“ der berühmten Laura Decker (die im Alter von 14 Jahren alleine die Welt innerhalb eines Jahres umsegelt hat) und auch mehrere von Schiffen, die Franz aus den vielen „You Tube“-Viedos kannte, die er in den letzten Jahren geschaut hatte (immer mit der Sehnsucht, dies eines Tages selbst erleben zu dürfen).

Irgendwie war es seltsam, wieder festen Boden unter den Füßen zu haben und wir alle kamen ziemlich breitbeinig daher. Da sich das Gehirn ziemlich schnell an die andauernden Boots-bewegungen gewöhnt hatte, meint man, dass dieses Schwanken im Kopf auch an Land weitergeht (sozusagen die Umkehr der Seekrankheit). Man hat ein Gefühl, als hätte man einen Schwips und deswegen wankten wir anfangs alle ein bisschen unsicher. Das vergeht dann mehr oder weniger schnell nach einigen Tagen, sobald im Gehirn angekommen ist, dass der Boden jetzt nicht mehr schwankt.

Horta gefiel uns ausgesprochen gut. Im Gegensatz zur Karibik fiel sofort auf, dass alles gepflegt und sauber war. Die allermeisten Häuser waren renoviert und die öffentlichen Gebäude sehr gepflegt. Im Prinzip ist Horta ein größeres Dorf und hat in Wassernähe viele Geschäfte und ein paar Cafes und Restaurants. Die berühmteste Bar bei den ankommenden Seglern ist „Peter`s Bar“. Diese ist mit unzähligen Fahnen und Mitbringseln der Segler geschmückt und schon in der Karibik erzählt man davon, hier einzukehren.

Ein schickes Hotel ist in einem antiken Gebäude direkt am Hafen untergebracht und ein anderes, kleineres, am Hang (sonst haben wir auf der ganzen Insel kein Hotel gesehen). Es gibt eine kleine Markthalle und auch einen Supermarkt. Dort staunten wir über die große Auswahl und die gut sortierte Frisch-Fisch-Theke. Wir erstanden Thunfisch-Filets für unter fünf Euro das Kilo und bedienten uns mit einer Schaufel aus einer Kühlbox mit Garnelen.

Wir mieteten uns ein Auto und machten einen Insel-Ausflug. Da wir die saftig grünen Hügel bereits vom Ankerplatz aus gesehen hatten, erwarteten wir eine grandiose Natur. Aber was wir dann gesehen haben, übertraf all unsere Erwartungen. Überall am Straßenrand und den angrenzenden Wiesen wucherten und blühten Blumen und Blüten. Mannshohe Hortensien-Büsche und Blüten aller Art und Farben durchbrachen das satte Grün der Wiesen und Hügel. Da sich der Himmel sehr bedeckt und grau präsentierte, waren die Farben sehr intensiv und die ganze Landschaft beinahe unwirklich schön.

In einem kleinen Ort entdeckten wir das Cafe Rosa und kehrten auf einen Capuccino ein. Reni sprach gleich zwei ältere Frauen an einem Tisch an und erfuhr viele interessante Dinge von ihnen. Die Jüngere, Lucy, war mit ihren Eltern nach USA ausgewandert und im Alter von 19 Jahren zurückgekommen, um zu heiraten. Sie sprach gut Englisch und übersetzte, was die Ältere (sie war schon über 80) erzählte. Diese hatte ihren Mann verloren, als sie gerade mit dem vierten Kind schwanger war. Sie hat ihre vier Kinder großgezogen und sich mit Näharbeiten und selbst angebautem Gemüse über Wasser gehalten. Es gab keinen Strom und kein fließendes Wasser. Sie war sehr mitteilsam und hörte gar nicht mehr auf, zu reden. Die Cafe-Betreiberin war die Tochter von Lucy und Zahnärztin. Sie hatte ihre Praxis gleich neben dem Cafe und dem Lebensmittel-Geschäft, das sie nebenbei betrieb. Immer wieder kamen Einheimische auf einen Cafe oder ein Getränk herein. Jeder kannte Jeden und es herrschte eine super entspannte Atmosphäre. Jeder hatte ein bisschen Zeit für ein Schwätzchen. Wie schön, dass es sowas noch gibt.

Nachdem wir zum Krater des Hauptvulkans hoch gefahren waren, diesen jedoch vor lauter Wolken nicht sehen konnten, besuchten wir das westliche Ende der Insel. Hier war, wie wir schon beim Vorbeisegeln sehen konnten, der Leuchtturm in den 50er Jahren von der Asche eines Vulkan-Ausbruchs verschüttet worden. Es gab ein (wie bei fast allen öffentlichen Bauvorhaben von der EU finanziertes) Info-Center über den Ausbruch. Die ganze Umgebung des Leuchtturms besteht aus schwarzer Asche und die Insel-Ecke hier wurde damals durch das erkaltete Lava neu erschaffen. Alles sah irgendwie irreal und deswegen auch besonders schön aus.

Auf dem Heimweg hielten wir noch an der Küste an einer Stelle, wo inmitten des schwarzen, weichen Lavagesteins eine Art Freibad hineingebaut wurde. Entlang eines neu gebauten Weges entdeckten wir mehrere Liegeplätze, Pools, Holzdecks, einen natürlichen Meerespool mit Beobachtungsturm a la „Baywatch“ und einem Sprungbrett in eine kleine, vom Meer aufgewühlte Bucht. Wie überall waren nur sehr wenige Leute hier.

Wir waren uns alle einig, dass ein Urlaub auf den Azoren, die auf allen neun Inseln viel Sehens-wertes, tolle Wanderwege und eine grandiose Natur zu bieten haben, auf jeden Fall auf unserer Liste für zukünftige Wünsche stehen wird. Man kann wunderbar mit der Fähre von einer Insel zur anderen fahren und tolle Wanderungen machen. Das Klima ist vielleicht nicht ganz so mild wie in Süd-Europa, aber gerade deswegen auch viel angenehmer.

Mitten in der Nacht wachte ich durch ein Geräusch auf. Ich horchte und realisierte auf einmal, was die Ursache des Geräuschs war. Der Anker schleifte über steinigem Grund und erzeugte ein leises Scharr-Geräusch. Wenn ich nicht schon einschlägige Erfahrungen damit gemacht hätte (ihr wisst das ja als treue Blog-Leser), wäre ich niemals davon aufgewacht. Ich stand auf und ging ins Cockpit und tatsächlich: das Nachbar-Boot war doch gestern noch nicht so nah gewesen?

Ich weckte Simon auf und er bestätigte meine Befürchtung. Der Anker hatte keinen Halt und slippte über steinigem Grund. Simon beschloss, umzuankern und startete den Motor. Rachel stand am Bug bereit, um den Anker hoch zu winschen. Urplötzlich ging der Motor jedoch aus und ließ sich nicht wieder starten. Ausgerechnet jetzt, wo wir auf ein anderes Boot zu trieben! Simon betätigte die Druckkluft-Fanfare, die im Cockpit bereit liegt, um die ganze Mannschaft zu wecken, wenn Not am Mann ist. Endlich kam der Nachbar schlaftrunken an Bord und ließ, nachdem wir ihm die Lage erklärt hatten, noch weitere 10 Meter Ankerkette aus. Nun hatten wir wieder ein bisschen Luft.

Der Anker hatte sich nun irgendwo verfangen und für den Moment hingen wir wieder fest. Auf der Suche nach dem Fehler prüfte Franz die Diesel-Zufuhr des Motors und versuchte, die Einspritz-Anlage zu entlüften. Dies hatte jedoch keinen Erfolg und der Motor wollte einfach nicht mehr starten.

Da uns der starke Wind hin und her schwoien ließ, kamen wir einer Boje, die 10 Minuten zuvor noch unerreichbar war, immer näher. Ich rief nach unten, wo Franz, Simon und Rachel am Motor zugange waren, und wir versuchten, die Boje mit dem Bootshaken einzufangen. Und tatsächlich, Simon konnte sie fassen und nach oben ziehen und wir machten auf die Schnelle Leinen daran fest. Jetzt waren wir erst einmal wieder sicher. Sozusagen in letzter Minute, da der Anker mittlerweile frei war. Nun war klar, dass im Rahmen des Tauschens der Diesel-Filter am Vortag Luft in die Einspritz-Anlage eingedrungen war und deswegen der Motor nicht startete. Das war wieder einmal typisch: genau in dem Moment, wo der Motor ganz dringend gebraucht wird, geht er nicht.

Da wir im Moment nichts mehr machen konnten, gingen wir alle wieder ins Bett. Am frühen Morgen wachte ich vom Motoren-Geräusch auf. Simon hatte in der Nacht immer wieder das Entlüften versucht und irgendwann auch Erfolg gehabt. Frühmorgens suchte er sich dann einen anderen Ankerplatz mit besserem Haltegrund. Noch oft bedankten sie sich an diesem Tag bei mir dafür, dass ich das Schiff durch meinen leichten Schlaf gerettet hatte.

An unserem letzten Tag gingen wir drei Mädels noch einmal ein bisschen wandern, während Franz und Simon am Generator zugange waren. Wir erkundeten das südliche Ende Hortas mit der wunderschönen Badebucht. Nur ein paar Einheimische waren hier am dunklen Strand. Auf einem Aussichtspunkt im gegenüberliegenden Hügel hatten wir einen wunderschönen Blick auf Horta und die Südküste Faials. Wir ließen uns Zeit und genossen die Sonne, die üppige Natur und den schönen Ausblick.

Auf dem Rückweg lud Reni uns in ein nettes Restaurant ein, an dessen Tisch wir einen schönen Blick auf die Bucht hatten. Wir aßen mehrere Brotaufstriche mit Ziegenkäse und Oliven zur Vorspeise, einen leckeren Fischtopf mit Gemüse und Süßkartoffeln zur Hauptspeise und einen Eisbecher und ein Schoko-Mousse zum Dessert. Dazu gab es einen sensationellen Weißwein aus den Azoren.

Abends gingen wir alle zusammen noch in eine Kneipe, die wir entdeckt hatten. Im Innenhof des historischen Gebäudes spielte ein junger Segler, der sich so sein Geld verdient, als Alleinunterhalter. Er spielte auf acht Instrumenten und sang alte Südstaaten-Lieder. Wir tanzten ausgelassen und feierten unsere erfolgreiche Überfahrt.

Franz hatte sich entschieden, mit uns nach Hause zu fliegen. Ursprünglich hatte er erwägt, noch mit der Princess bis Spanien weiter zu segeln. Aber da überhaupt nicht klar war, wann und wie der Inmast-Furler und das Ruderschaft repariert werden sollten, machte das keinen Sinn. Simon wusste nur, dass er das Boot auf der Nachbar-Insel aus dem Wasser holen wollte. Aber wann und für wie lange war noch nicht klar. So machten wir drei uns auf zum Heimflug. Der Abschied fiel uns uner-wartet schwer. Schließlich war die Princess in den letzten vier Wochen unser Zuhause gewesen und hatte uns sicher und zuverlässig über den ganzen Atlantik getragen. Simon und Rachel waren tolle Gastgeber und Freunde gewesen und hatten uns bestimmt schon zehnmal eingeladen, jederzeit auf der Princess willkommen zu sein. Wir hatten die Princess, alle schönen und weniger schönen Momente, viele Sorgen, Gedanken und Gefühle und Freud  und Leid miteinander geteilt. Das schweißt zusammen. Dementsprechend war der Abschied. Aber wir wussten auch ganz sicher, dass wir uns irgendwo und irgendwann wiedersehen werden.

Wir haben auf unserer Reise die unbändige Gewalt von Wind und Wetter, die Schönheit und Vielfalt des Meeres und seiner Bewohner, die Lebensfreude und Quirligkeit der Delfine, die erhabene Ruhe der Wale, aber auch die erschreckende Plage Millionen von Quallen und riesiger Flächen von Sargasso-Gras erfahren dürfen. Wir konnten hautnah erleben, wie sich Überfischung, Überdüngung und Klima-Wandel auf das Öko-System der Ozeane auswirkt. Ich möchte zum Abschluss noch allen, denen unser Planet, die Natur, eine gut funktionierende Balance von Flora und Fauna und nicht zuletzt die Lebensqualität unserer Kinder und Enkel nicht egal sind, einen Film ans Herz legen. Wenn jeder sich einmal Gedanken macht, was wir unserer Erde antun und wie jeder ein kleines bisschen beitragen kann, um das zu ändern, wäre schon viel getan. Auch wenn vielleicht der ganze Film sehr schwarz gemalt ist, kann keiner verleugnen, dass nicht ein wahrer Kern darin steckt. Wir jeden Falls werden ganz bestimmt etwas an unserem Verhalten etwas ändern. Wenn das jeder tut, ist schon viel gewonnen.

Der Film heißt „Sea spiracy“  und kann auf Netflix gefunden werden.


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