Story

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DER TRAUM


Wer träumt nicht davon: ein weißes Segel, blauer Himmel, türkisfarbenes, glasklares Wasser, bunte Fische, exotische Inseln, fremde Kulturen, Abenteuer erleben, Neues entdecken. Unser Traum begann vor ca. 15 Jahren zu wachsen. Erst als kleiner Gedanke irgendwo in einer Hirn-Ecke. Dieser begann aber plötzlich, ein Eigenleben zu entwickeln. Wurde, ohne unser Zutun, immer größer. Forderte immer mehr Raum im Hirn ein. Und wollte schließlich auch gefüttert werden: mit Büchern von Weltumseglern, mit Filmen und Berichten über ferne Länder, über Abenteuer unter Segeln, mit Vorträgen anderer Reiselustigen, mit langen Gesprächen und Ausmalen unseres eigenen Abenteuers. Damals schon, vor vielen Jahren, beschloss Franz, dass unser Traum-Schiff einmal Aton heißen soll, sprach davon, wie es wäre, wenn wir zu zweit auf dem Wasser fremde Länder erkunden würden. Er machte sich Gedanken über Schiffstechnik, und hatte allerlei Ideen, wie er so ein Schiff ausstatten würde. Und so wurde unser Traum allmählich ein ständiger Begleiter, ein guter Bekannter, der sich immer öfter mal meldete, und beachtet werden wollte. Franz begann damit, den Schiffsmarkt zu beobachten, obwohl wir immer noch nicht im Entferntesten daran dachten, dass wir uns das jemals leisten könnten, oder zutrauen würden. Unser Leben begann sich zu ändern, als wir beschlossen, unsere Auto-Werkstatt zu verkaufen. Unsere Kinder hatten kein Interesse daran, die Werkstatt weiterzuführen. Wir erkannten, dass wir, falls wir noch einmal einen beruflichen Neustart wagen wollten, nicht allzu lange damit warten dürfen. Franz verfolgte seit mehreren Jahren den Werdegang einer Firma am Starnberger See, die sich auf elektronische Schiffsantriebe spezialisiert hatten. Er bewarb sich, und wurde sofort eingestellt. Jetzt war er in seinem Element: er durfte sich mit Schiffstechnik beschäftigen, lernte interessante Menschen aus dem Wassersport kennen, und seine Arbeitsplätze lagen oft auf einem Schiff in idyllischer Umgebung. Als unser Sohn Daniel ausgezogen war, und auch der Jüngere, Marco, beschloss, in 2019 eine Weltreise zu unternehmen, beschlossen wir, unser Haus zu verkaufen. Und dann war er da, der Moment. Ich hörte im Radio ein Interview einer Frau, die mit ihrem Mann und zwei schulpflichtigen Kindern ein Sabatical auf See verbracht hatte. Sie schilderten ihre Erlebnisse und berichteten davon, wie intensiv und wert-voll diese Zeit für sie war. Und auf einmal wurde mir klar, dass genau jetzt der Zeitpunkt war, wo sich alles in unserem Leben gerade so entwickelt hatte, dass es uns möglich war, unseren Traum zu verwirklichen. Die Kinder aus dem Haus, die Werkstatt verkauft, das Haus gerade zum Verkauf angeboten, ein finanzieller Puffer, wir sind gesund, fit und motiviert, auch mal Strapazen auszuhalten. Auf was sollten wir noch warten? Wir werden nicht jünger, diese Gelegenheit kommt vielleicht nie wieder, dachte ich mir. Ich ging zu Franz, der gerade Segel-Filme anderer Leute am PC ansah und sagte: „Warum machen wir es eigentlich nicht jetzt, wo gerade alles passt?“. Er fiel aus allen Wolken und sagte, „Ist das Dein Ernst? O.K., und ich weiß auch schon, mit welchem Schiff.“

DER SCHIFFSKAUF


Sofort nachdem der Entschluss gefallen war, zeigte mir Franz, welche Schiffe gerade auf dem Markt seinen Anforderungen entsprechen. Es sollte ein solides und sicheres Schiff sein, mit einer Ausstattung, die absolut hochseetauglich ist. Sein absoluter Favorit war ein Alu-Schiff,
das in Florida schon längere Zeit zum Verkauf angeboten wurde. Er hatte die Anzeige schon so oft studiert, dass er das Schiff schon in- und auswändig kannte. Wir beschlossen spontan, einen geplanten Wohnmobil-Urlaub zu nutzen, um statt dessen nach Florida zu fliegen. Zehn Minuten später war ein Flug gebucht, und der Kontakt zum Broker hergestellt. Wir erzählten noch niemandem von unseren Plänen, weil wir es irgendwie selbst noch nicht richtig glauben konnten. In der Zwischenzeit hatten wir noch einen schönen Segelurlaub mit Daniel und seiner Freundin, Alex, in Griechenland. Endlich war es Ende April, und wir flogen nach Florida, wo wir von den äußerst liebenswürdigen Schiffs-Vorbesitzern, Bob und Patricia, empfangen wurden. Was soll ich sagen, es war Liebe auf den ersten Blick. Die Ovni lag elegant und schnittig am Steg hinter dem Haus. Genau die richtige Größe für uns (43 Fuß), super gepflegt, top ausgestattet, genau das, was wir suchten. Es folgte eine Prüfung auf Herz und Nieren, Franz hatte zuhause schon eine seitenlange Liste vorbereitet, was er alles prüfen wollte. Das Probesegeln fühlte sich gut an. Die Ovni ist zwar nicht leicht zu händeln, da bei Manövern teilweise am Baum gearbeitet werden muss, aber schnell und sicher. Außerdem durch den hochziehbaren Kiel auch im Flachwasser geeignet. Leider waren aber noch andere Käufer interessiert, und wir mussten einige Male mitten in der Nacht zuhause anrufen, um möglichst schnell die Anzahlung zu organisieren. Dann kam der Papierkrieg: ein seitenlanger Vertrag, den selbst Bob und Trisha teilweise nicht verstanden. Viele Telefonate mit dem Broker, alles natürlich in Englisch. Da rauchten die Köpfe. Und dann, nach 7 Tagen, hatten wir ein Schiff gekauft.

DIE VORBEREITUNGEN


Wieder zuhause hieß es zuerst einmal, unserer Familie beizubringen, was wir vorhatten. Wir stießen auf viel Verständnis, auch im Freundes- und Bekanntenkreis. Wir hatten immens viel zu organisieren und momentan überhaupt keine Ahnung, was noch alles auf uns zukommen würde. Wir arbeiteten in jeder freien Minute, schrieben viele Mails, recherchierten, traten diversen Vereinen bei, schickten eine Kiste nach Florida, besuchten Fortbildungskurse (Radar, Funk, Blauwasser-Seminar und Medizin auf See), hatten furchtbar viel Papierkram zu erledigen, tüftelten eine ungefähre Reise-Route aus, trafen uns mit anderen Blauwasser-Seglern und organisierten unser zukünftiges Leben auf einem Schiff. Wir beschlossen, zwischendurch immer wieder nach Deutschland zurückzukehren, um nach unserer Familie, vor allem unseren Eltern, zu sehen. Im Oktober flogen wir noch einmal gute drei Wochen nach Florida, um das Schiff für unsere Bedürfnisse einzurichten, die Elektrik auf Vordermann zu bringen, und diverse Anschaffungen zu tätigen. Die letzten sechs Wochen zuhause vergingen wie im Flug, wir mussten unser Haus leeren und übergeben, und schließlich Abschied von unserer Familie, den Freunden und Arbeitskollegen nehmen. Wir waren in dieser Zeit so beschäftigt, dass wir gar keine Zeit hatten, uns zu freuen, oder irgendwie auf die neue Herausforderung einzustellen. Ohne die Hilfe und Unterstützung unserer Familie und unserer Freunde wären wir wahrscheinlich nie rechtzeitig fertig geworden. Aber schließlich, 7 Monate nach dem Schiffskauf, und 9 Monate nach dem Entschluss, dieses Abenteuer zu wagen, sollte es losgehen. Vielen Dank an alle, die dazu beigetragen haben, dass unser Traum nun keiner mehr ist, sondern tatsächlich Realität wurde.

Nachdem uns Corona im Frühjahr 2019 einen dicken Strich durch die Rechnung gemacht hatte, beschlossen wir, nach der Hochzeit unseres Sohnes Daniel vorerst in Deutschland zu bleiben. Wir brachten unser Schiff in Cariacou unter, um zuhause die Entwicklungen abzuwarten. Bis zum Frühjahr 2020 waren die Reisemöglichkeiten wegen der weltweiten Pandemie noch nicht wesentlich verändert. Um so mehr freuten wir uns, die Chance wahrnehmen zu können, unseren Freunden Simon und Rachel bei deren Atlantik-Überquerung als Crew zur Seite zu stehen. Wieder mal ein Abenteuer ganz nach unserem Geschmack!