Atlantik – Woche 1

Atlantik – Woche 1

Tag 2:
Wir starteten unsere Überquerung mit 30 bis zu 35 Knoten scheinbarem Wind bei 5,5 bis 7,5 Knoten Fahrt am Wind und kurzer Welle von ungefähr 2 – 2,5m. Das bedeutete eine ziemliche Krängung (also Schieflage) und eine auf und ab stampfende Princess. Das Leben an Bord war dementsprechend erschwert. Bei jedem Schritt musste man sich festhalten, damit man nicht quer durchs Schiff geschleudert wurde. Ein Toilettengang war eine sehr anspruchsvolle, gymnastische Übung und jeder Handgriff erforderte eine wohl durchdachte Einklemmung, Abstützung oder anderweitige Sicherung. Beim Kochen am Herd gibt es z. B. einen Gurt, mit dem man sich festschnallen kann, damit man beide Hände frei hat. Für Rachel, Reni und mich war es in den ersten Tagen nicht leicht, unter Deck zu gehen, denn wir fühlten uns nicht wirklich wohl. Auch ich litt dieses Mal ein bisschen unter Seekrankheit und wir drei nahmen vorsichtshalber ein Stugeron ein. Mehr als einmal fragte ich mich, was zur Hölle mich geritten hatte, mir das freiwillig anzutun.

Ich war ständig müde und schlief sehr viel. Beim Schlafen hatte ich die Auswahl des Doppelbettes in der Bug-Kabine, oder aber einem Bett in einer sehr kleinen Durchgangskabine unter dem Cockpit. In der Bug-Kabine war es unheimlich laut. Der Bug kämpft sich durch die Wellenberge und es hört sich jedes Mal wie eine kleine Explosion an, wenn wieder eine Wand aus Wasser dagegen knallt. Außerdem hört man hier das vorbeirauschende Wasser am stärksten; schließlich ist man nur durch eine wenige cm dicke Glasfaser-Komposit-Schicht vom Wasser getrennt. Zudem ist im Bug die Auf- und Ab-Bewegung des Bootes am Meisten spürbar. Gerade in diesen ersten beiden Tagen hüpfte die Princess extrem, da die Wellen sehr kurz nacheinander kamen. Man wird also ordentlich durchgerüttelt, hüpft mitunter wie ein Gummiball auf- und ab, und wähnt sich aufgrund der Geräuschkulisse in einem Kriegsgebiet inmitten einer Waschmaschine. Dazu kommt noch, dass man hier auf gar keinen Fall irgendein Fenster öffnen kann, weil der Bug ja permanent ins Wasser eintaucht und man sein Bett nicht mit Fischen teilen will. Da wir aber aus den Tropen starteten, hieß das warm und stickig. Für Franz ist das alles kein Problem. Er schläft schon, wenn er das Kissen berührt, egal ob Gummiball, Kriegsgebiet, Waschmaschine oder Treibhaus.

Ich wählte dann lieber das Stockbett unter dem Cockpit, obwohl man hier definitiv keine Platzangst haben darf. Da sich die Kabine etwas hinter der Mitte des Schiffes befand, waren hier die Schiffsbewegungen am wenigsten spürbar. Man konnte ein kleines Fenster zum Cockpit öffnen und ich viel nicht raus, weil die Kabine auf der windabgewandten Seite des Bootes lag. Perfekt.

Wir hatten drei Wach-Schichten von jeweils 4 Stunden eingeteilt. Simon, Rachel und Franz waren jeweils 4 Stunden „on“ und „off“. Reni und ich hatten jeweils 6 Stunden Bereitschaft (also on) und 6 Stunden frei (also off). Wir sollten also helfen, falls irgendetwas zu tun war. An diesen Rhythmus und an die Bootsbewegungen musste sich der Körper erst mal gewöhnen. Das dauert normalerweise so um die 3 Tage.

Tag 3:
Das Wetter war sehr gemischt. Sonne und Wolken und gelegentliche Squalls (also Regenschauer mit Windböen). Der Wind war mittlerweile nicht mehr ganz so stark, dafür aber wechselhaft und änderte auch die Richtung, was uns zu gelegentlichen Wenden zwang. Einmal war Rachel gezwungen, die Stellung des Bootes zum Wind zu ändern und merkte dabei nicht, dass sie mittlerweile komplett den richtigen Kurs verloren hatte. „Oh, we`re sailing to America.“ kam Simon ins Cockpit. Das ist der erste Haken, den man an unserer Kurslinie ganz gut erkennen kann. Aber wenn man die ganze Strecke von ungefähr 3000 sm (also Seemeilen, das sind ca. 5400 km)  im Blick hat, ist so ein kleiner Umweg nicht schlimm.

Wir hatten uns schon einigermaßen an die Bootsbewegungen und den Wach-Rhythmus gewöhnt. Die Wellen waren nun viel kleiner und länger, was alles sehr viel einfacher machte. Immer noch eine echte Herausforderung war das Kochen. Die meisten Segelboote haben einen Kühlschrank, den man von oben aufmachen kann. Da kalte Luft nach unten sinkt, ist auch etwas längeres Öffnen kein Problem. Die Princess jedoch hat einen nach vorne zu öffnenden Kühlschrank, der außerdem alt und schlecht isoliert ist. Man muss also das Öffnen möglichst kurz halten, weswegen es ja auch den Kühlschrank-Plan gibt (siehe vorhergehender Blog). Das ist aber sehr schwierig, wenn einem der Inhalt beim Öffnen entgegenkommt und man alle Hände zu tun hat, dass nicht alles rausfällt. Mehr als einmal landete ein Joghurt so in der Pantry. Um dann irgendetwas mit beiden Händen vorzubereiten, muss man sich ständig gegen die Bootsbewegungen stemmen, um nicht umzufallen. Macht euch also darauf gefasst, dass wir mit deutlich gestärkten Oberschenkeln heimkommen werden. Der Ofen ist kardanisch aufgehängt, schwingt also frei. Wenn man das sieht, wird es einem oft erst bewusst, wie sehr man sich selbst von der Horizontalen entfernt hat. Nichtsdestotrotz zaubern wir täglich ein gemeinsames Abendessen, wie z. B. Gulasch mit Semmelknödel, mit Feta überbackenes Gemüse oder Kässpätzle. Bei 7 Knoten Fahrt schon eine Herausforderung.

Ein anderes Problem, das wir haben, ist, dass der Kühlschrank und der Gefrierschrank relativ viel Energie benötigen. Der Kühlschrank hatte sich z. B. am Tag 3 schon von 7 auf 9 Grad erhöht. Um das wieder runter zu kühlen, musste der Generator 4 Stunden laufen.

Heute, am Pfingst-Montag Nachmittag schlief der Wind ein und wir segelten fast aufrecht mit 4 Knoten dahin. Das war eine gute Gelegenheit, eine kurze Dusche zu nehmen, ohne im Bad hin und her geschmissen zu werden. Wir genossen die Sonne auf dem Vordeck und hörten die mitgebrachte Musik. Längst schon waren die ersten beiden, nicht gerade angenehmen Tage vergessen und ich war einfach nur dankbar, dass ich diese Überfahrt mitmachen kann.

Später mussten wir noch einmal die Richtung ändern, um wieder in ein Gebiet mit mehr Wind zu gelangen.

Tag 4:
Gutes Wetter und relativ ruhige See. Eine angenehme Atlantik-Welle hebt die Princess langsam auf und ab und wir krängen nicht allzu sehr. Die Princess ist eine kleine Sprinterin, sie liebt es schnell und sportlich und wir kommen gut voran. Mit 23 Knoten Wind segelt sie 60 Grad am Wind gute 8 Knoten schnell. Das merkt man gar nicht wirklich, weil wir aufgrund der ruhigen See nicht übermäßig auf- und ab hüpfen. Es macht Spaß, im Salon am Fenster die vorbeirauschenden Wassermassen zu beobachten.

Besonders schön sind auch die Nächte, da wir gerade Vollmond haben. Das Mondlicht zieht eine silbrige Spur über das Wasser und alles erscheint im sanften Licht unwirklich und zauberhaft. Die Sterne blinken und man kann viele Sternschnuppen sehen. In solchen Momenten vergisst man all die anderen, in denen man sich an einen trockenen, ruhigen und unbeweglichen Ort gewünscht hat.

Tag 5:
Die Sonne kommt gegen die Wolken nicht mehr an. Immer wieder kommen Squalls (Regengüsse) mit Windböen bis zu 40 Knoten. Im Vorfeld eines Squalls fällt der Wind ziemlich ein, da dieser den Wind aus seiner Umgebung einsaugt. Man segelt also munter mit gerefften Segeln bei 25 Knoten Wind dahin. Von jetzt auf dann vielleicht noch 5 Knoten Wind, was die Fahrt fast komplett stoppt. Dann holt man seine Segel wieder raus. Kaum ist man damit fertig, schnellt die Windanzeige wieder nach oben und Princess startet wieder los. Segel also wieder reffen. Dann kommt meistens mehr oder weniger Regen und die gefürchteten Böen. So geht es den ganzen Tag.
Abends passiert es dann. Beim Versuch, das heiße Blech mit dem Gemüse aus dem Ofen zu ziehen, schwankt die Princess bei 7 Knoten Fahrt so sehr, dass mir das Blech entgleitet. Das gerade fertige Gemüse rutscht vom Blech und verteilt sich im Gas-Brennraum und schlüpft in jede Ritze. Shit!
Spätabends sehen Franz und ich erste Gewitter mit Blitzen. Wir packen alle Handys und iPhones in die Mikrowelle, um sie vor einem evtl. Blitzschlag zu schützen.

Tag 6:
Das Gewitter baut sich immer mehr auf. Während Simon`s und Reni`s Wache hört Reni bei 100 Blitzen auf, zu zählen. Die Gewitterwand wurde immer dunkler und kam immer näher. Wie oft direkt vor einem Squall oder Sturm war auf einmal der Wind weg. Wir dümpelten mit 1 – 2 Knoten dahin und die Sturmfront kam von hinten immer näher. Simon reffte alle Segel und holte die Genua ein. Die gesamte Front teilte sich, überholte uns halb und schloss uns dann vollständig ein. Jetzt waren wir mittendrin gefangen. Dann ging es los. Die Böen peitschten mit bis zu 50 – 55 Knoten und auf dem Radar sah man, dass die Sturmfront riesig war. Simon warf den Motor an und versuchte, aus dem Sturmgebiet zu fahren. Nach 5 Stunden gab er auf – es war einfach zu riesig.

Nun hatten wir genau das, was man auf jeden Fall vermeiden will: wir waren mitten in einem riesigen Sturm gelandet. Keiner von unseren 5 Wetterprognosen hatte einen Sturm dieser Kategorie vorhergesagt. Der Wind peitschte mit weit über 50 Knoten schnell, bis zu 66 Knoten in Böen. Wir machten 8 Knoten Fahrt am Wind mit nichts als einem gerefften Sturmsegel und einem kleinen Zipfel des Großsegels. Nun versuchten wir, am Wind das Sturmgebiet zu durchsegeln.  Gottseidank hatten wir die Seekrankheits-Phase schon hinter uns, spätestens jetzt hätte es uns bestimmt erwischt.

Franz war einfach großartig. Von 5 Uhr Früh bis weit in den Vormittag hinein stand er am Ruder, unterstützte George, den Autopiloten, immer wieder mit manueller Steuerung und war allerbester Laune dabei. Jedes Mal, wenn ihn wieder eine Welle von oben bis unten nass wusch, hörte man ihn jauchzen und lachen. Er stemmte sich mit seinen kräftigen Oberschenkeln gegen die Schiffsbewegungen und beteuerte immer wieder, wie viel Spaß ihm das machte. Der Himmel und die See waren drohend und dunkel und die schäumenden Wellenberge rings um uns sehr beeindruckend, wenn auch mit etwa 2,5 m bis 3,5 m Höhe noch nicht dramatisch. So etwas hatten wir alle zusammen noch nie erlebt. Die Princess hielt sich tapfer. Sicher und unaufgeregt trug sie uns durch den Sturm.


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