Abschied, für kurz, für länger, für immer

Abschied, für kurz, für länger, für immer

Franz

Martinique macht auf uns einen sehr sympathischen Eindruck. Als ein Überseedepartement Frankreichs stellt es zusammen mit Guadeloupe einen Teil Europas mitten in der Karibik dar. Die grandiose Landschaft, die freundlichen Menschen und die europäische Lebensart haben wir sehr schnell ins Herz geschlossen. Umso mehr ist Michaela nun traurig, mich und Aton für mehrere Wochen in Richtung Deutschland zu verlassen. Aufgrund einer Erkrankung ihrer Mutter wird sie sich in dieser Zeit um ihren Vater kümmern. Für mich heißt es nun alleine mit Aton hier auszuharren. Langeweile wird aber definitiv nicht aufkommen. Eine ellenlange Liste an Aufgaben, die ich zu erledigen habe, lässt mir kaum Zeit, Trübsal zu blasen. Als ich kurz vor Michis Abflug eine Besuchseinladung an eine Freundesgruppe per WhatsApp gesendet habe, bin ich sehr überrascht, als meine Freunde Hans und Sepp sehr kurzfristig ihre Bereitschaft, zu kommen, ankündigen. Mit dieser Aussicht, doch nicht ganz alleine zu sein, fällt der Abschied mit Michi etwas leichter. Dennoch sind wir sehr traurig. Immerhin ist es das erste Mal seit Jahren, dass wir getrennt voneinander sind. Als schließlich das Taxi kommt und mit Michi in der Dunkelheit verschwindet, stehe ich noch lange da und blicke ihr nach.

Doch nun gilt es einige Vorbereitungen zu treffen. Am nächsten Tag miete ich mir einen Leihwagen und fahre nach Le Marin um einige Ersatzteile und Geräte zu besorgen. Anschließend richte ich das Schiff für meinen Besuch her. Die Zeit verfliegt im Nu. Es ist Sonntagnachmittag. Jetzt heißt es, schnell zum Flughafen um die beiden abzuholen. Der Verkehr ist moderat und ich erreiche eine halbe Stunde vor Ankunft den Terminal. Nach einer sehr kurzen Wartezeit erblicke ich auch schon die Jungs. Die Freude ist groß und nachdem wir uns überschwänglich begrüßt haben, gehen wir in eine nahegelegene Bar und trinken ein örtliches Bier. Auf der Fahrt zur Marina erzählen sie mir ausführlich, wie es ihnen gelungen ist, kurzzeitig ihre Arbeit so zu regeln, dass beide gleichzeitig zehn Tage Urlaub bei mir in Martinique zu machen. Als wir ankommen ist es bereits Nacht (hier in den Tropen geht das sehr schnell). Wir laden die Reisetaschen aus dem Auto und bringen sie über den Schwimmsteg zur Aton. Nun sehen meine Freunde zum ersten Mal unser Schiff. Ich zeige den beiden ihr zuhause für die nächsten 10 Tage. Danach sitzen wir noch lange im Cockpit und tauschen gegenseitig unsere Neuigkeiten aus. Als wir an diesem Abend ins Bett gehen ist es bereits lange nach Mitternacht.

Am nächsten Morgen besorgen wir beim nahen Bäcker frisches Baguette und machen ausgiebig Frühstück. Danach planen wir die nächsten Tage. Da ich noch immer den Leihwagen habe, beschließen wir, uns die Insel anzusehen. Abermals wird mir bewusst, wie schön sich gepflegte Plantagen und adrett angelegte Gärten abwechseln mit steiler Berglandschaft und ursprünglichem Regenwald. Wir fahren durch pittoreske kleine Fischerdörfer, vorbei an malerischen Badestränden, die bereits nach wenigen Kilometern abgelöst werden durch schroff abfallende Steilküsten. Beim Besuch einer örtlichen Rumdestillerie sind meine Freunde von dem sehr aufwendig restaurierten Gebäudekomplex eines ehemaligen Zuckerbarones sehr angetan. In den zwei Tagen, an denen wir mit dem Leihwagen zuerst den nördlichen und dann den südlichen Teil der Insel erkunden, sammeln sowohl ich, als auch meine beiden Gäste sehr viele imposante Eindrücke. Nachdem wir den Leihwagen abgegeben und unser Abendessen eingenommen haben, beschließen wir zusammen, am darauffolgenden Morgen mit dem Schiff auszulaufen.

Nach dem Frühstück räumen wir das Schiff auf. Als der Müll entsorgt, die Einkäufe verstaut, das Geschirr gespült, die Wassertanks gefüllt und in der Marina ausgecheckt ist, mache ich mit meinen Freunden eine ausgiebige Sicherheitseinweisung. Es werden die Rettungswesten angelegt und auf den jeweiligen Träger eingestellt, die Brandschutzeinrichtungen erklärt. Ich zeige den beiden wie das Funkgerät zu bedienen ist und wo die Anleitungen für eine Notfallmeldung sich befinden. Ich erkläre ihnen, wo sich weitere Rettungsmittel befinden, wie das Rettungsfloß gehandhabt wird und was zu tun ist, wenn eine Person über Bord geht. Sowie die Sicherheitseinweisung abgeschlossen ist, starte ich den Motor. Das Landstromkabel wird verstaut und ich erkläre meinen Freunden wer und in welcher Reihenfolge die Landleinen eingeholt werden. Bereits eine Minute später legen wir bilderbuchmäßig ab und fahren langsam aus der Marina in die offene Bucht von Fort de France. Wir stellen Aton in den Wind. Hans bedient das Steuer und ich zeige Sepp, wie das Großsegel gesetzt wird. Anschließend lassen wir Aton etwas abfallen und setzen das Genua. Der nun mit mehr als 25 Knoten blasende Passat füllt augenblicklich das enorm große Vorsegel. Die Vorschot spannt sich mit einem Ruck und Aton rauscht mit 7 – 8 Knoten Raumschot aus der Bucht. Da ich die beiden (und mich natürlich auch) am ersten Tag nicht gleich überfordern will, kreuzen wir einige Male die sehr große Bucht und laufen schließlich in die kleine, aber sehr schöne Bucht Anse al`Ane ein. Wir fahren den Anker ein und genehmigen uns ein Manöverbier. Danach machen wir uns gemeinsam ein Abendessen. Hier muss ich den Lesern noch erklären, dass meine Freunde und ich Mitglieder einer Männerkochrunde sind. Aus dem alten Weißbrot zaubern wir kurzerhand Semmelknödel, welche wir als Beilage für einen Braten mit einer Biersauce verwenden. Die Beigabe von Zwiebeln, Speckwürfeln und frischen Kräutern zum Semmelteig macht das Gericht abschließend sehr bayrisch. Nach diesem Festmahl trinken wir zusammen das eine oder andere Bier und unterhalten uns in heiterer Stimmung nach diesem grandiosen Segel Tag.

Später lese ich, wie jeden Tag, meine WhatsApp. Beim Öffnen sehe ich schon, dass Michi mir eine Nachricht geschickt hat. Mit großer Vorfreude öffne ich die Nachricht. Aber was ich dann lese, lässt mir das Blut in den Adern erstarren. Mein Bruder Lothar, der uns im vergangenen Frühjahr in den Exumas besucht hat und der mir unermesslich viel mit unserem Schiff geholfen hat, ist tot in seiner Wohnung aufgefunden worden. Ich kann mich minutenlang nicht bewegen. Meine Gedanken rasen durcheinander und ich bin nicht in der Lage das gerade Gelesene zu realisieren. Nach einer gefühlten Ewigkeit informiere ich meine beiden Freunde. Auch sie kennen meinen Bruder schon ewig und sind ähnlich schockiert wie ich. Ich ziehe mich mit meinem Handy auf das Vordeck zurück und rufe meine Frau in Deutschland an. Sie erklärt mir schluchzender weise die Umstände, unter denen er gefunden wurde. Den restlichen Abend verbringe ich zurückgezogen damit, das Geschehene zu verarbeiten.

Nach einer sehr traurigen Nacht mit wenig Schlaf planen wir am darauffolgenden Morgen die weiteren Schritte. Nun gilt es für mich schnellstens einen Rückflug nach Deutschland zu organisieren. Ich muss einen Platz finden, wo ich Aton sicher zurücklassen kann. Wir müssen verderbliche Vorräte aufbrauchen, Kühl- und Gefriertruhe leeren und, und, und. Ich bin sehr froh, nun meine beiden Freunde um mich zu haben. Nach dem Frühstück beginne ich meine Seglerfreunde zu informieren und Rat einzuholen. Die Anteilnahme dieser Gemeinschaft ist atemberaubend. Aus allen Himmelsrichtungen stürmen Beileidsbekundungen ein. Nahezu alle bieten mir ihre Hilfe und Unterstützung an. Für die Suche nach einem sicheren Liegeplatz für Aton bekomme ich dutzende von Empfehlungen, aber da wir uns in der Hauptreisezeit befinden, sind freie Plätze sehr rar. Ein sehr guter Freund in meiner Heimat, der ein Reisebüro führt, hat mir in Windeseile einen Rückflug nach Deutschland in der selben Maschine gebucht, in welcher auch Sepp und Hans zurückfliegen. Somit steht nun mein Rückreisedatum fest. Da es aber bis dahin noch einiges zu organiseren und zu erledigen ist, stelle ich mir einen Plan auf. Während wir die restliche Zeit damit verbringen, den südlichen Teil Martiniques zu besegeln, klinke ich mich immer wieder aus, um Telefonate zu führen, Emails zu schreiben und Menschen zu kontaktieren, damit wir das Schiff sicher verwahren können, um die Rückreise nach Deutschland durchführen zu können.Trotz meiner ständigen Vorbereitungen lassen mich meine Freunde gewähren. Meine beiden Begleiter sind von der Schönheit der Buchten, die wir anlaufen begeistert. Drei Tage vor unserer geplanten Abreise verbringe ich Aton in die riesige Bucht von Le Marin, dem Jachtzentrum von Martinique. Hier befinden sich auch die größten Marinas. Meine beiden Freunde nehmen sich abermals einen Leihwagen und erkunden die Insel auf eigene Faust. Dies ist mir sehr recht, da ich dann ungestört das Schiff für einen längeren Aufenthalt vorbereiten kann. Als erstes kümmere ich mich um einen Liegeplatz. Hierbei haben mir unsere Bekannten auf anderen Schiffen allerdings keine sehr großen Hoffnungen machen können. Das Bojenfeld in dieser Bucht ist zwar riesig ( mehrere hundert Jachten sind hier festgemacht), aber kurzfristig sind alle bereits ausgebucht. Somit versuche ich nun im kommerziellen Hafen mein Glück. In einer Werft werde ich bei der Frage nach dem Büro der Werftleitung in einen Bürocontainer gebeten. Dort befinden sich zwei Damen hinter ihren Schreibtischen. Eine ist damit beschäftigt, einen Werftarbeiter augenscheinlich neue Aufträge zu geben, die andere Dame telefoniert. Als der Werftarbeiter das Büro verlässt frage ich die Dame ob sie englisch spreche. Sie verneint und deutet mir zu warten, bis die andere Dame mit dem Telefonat fertig ist. Somit setze ich mich auf den angebotenen Stuhl und warte. Als die zweite Dame den Hörer auflegt, fordert sie mich auf, zu ihr zu kommen. Als ich nachfrage, ob sie eine Boje für den Zeitraum von zwei bis drei Wochen vermieten würde, lehnt sie freundlich ab mit dem Hinweis, dass diese Bojen ausschließlich für instand zu setzende Schiffe gedacht sind. Ich zeige meine Enttäuschung und beschließe, ihr den Hintergrund meiner Bitte zu erzählen. Als ich ihr meine traurige Geschichte schildere, sagte sie mir, ich solle kurz warten. Sie nimmt den Telefonhörer ein weiteres Mal auf, wählt eine Nummer und spricht eine geraume Weile auf Französisch. Nachdem sie auflegt erklärt sie mir, dass sie eben mit einem Manager der größten Marina gesprochen hat. Sie kenne ihn persönlich und habe ihm meine Umstände geschildert. Ich solle nun direkt zu dieser Marina gehen. Sie gibt mir seinen Namen (Jean-Joseph) und sagt mir, dass dieser Manager mein Kommen erwartet. Dann sagt sie mir noch ihren Namen (Jocelyne) und ich solle den Manager schön von ihr Grüßen. Sprachlos und komplett überwältigt von solcher Hilfsbereitschaft verabschiede ich mich bei der freundlichen Dame und mache mich auf den Weg zur ca. drei Kilometer entfernten Marina. Dort angekommen sage ich einer Dame am Empfang den Namen des Managers mit dem Hinweis, dass er mich bereits erwarte und nenne ihr auch gleich meinen Namen. Sie sagt mir, ich solle mich einen Moment gedulden und verschwindet in einem Gang. Als sie zurückkommt deutet sie mir, ihr zu folgen. Wir gehen in den hinteren Teil des Bürokomplexes. An der offenen Türe des größten Büros erwartet mich bereits ein Herr im mittleren Alter. Freundlich reicht er mir die Hand und führt mich zu einem Stuhl. Er erklärt mir, dass die Dame in der Werft (Jocelyne) eine sehr gute Freundin von ihm ist und er über meine Situation im Bilde ist. Er bekundet mir sein tiefstes Beileid und frägt mich, wie lange ich eine Boje benötige. Als ich ihm den Zeitraum nenne rät er mir, doch gleich einen Monat zu mieten, da dieser deutlich billiger wäre als drei Wochen. Der Grund liege darin, dass bei einer Zeit unter einem Monat Tagesmieten anfielen, die deutlich teurer ausfielen. Ich bedanke mich vielmals bei ihm für diesen Ratschlag. Außerdem erklärt mir dieser nette Herr, dass normalerweise alle Bojen für Langzeitlieger reserviert wären. Für solch speziellen Fälle wie für mich habe er aber noch welche in seiner Hinterhand. Während er mir dies sagt schmunzelt er ein wenig. Als wir die Formalitäten erledigt haben, verabschieden wir uns und ich verlasse mit einer enormen Erleichterung die Marina.

Auf Aton zurück beginne ich damit, den Kühlschrank und die Gefriertruhe zu leeren. Die nicht verbrauchten und verderblichen Lebensmittel gebe ich John und Wendy von der „Headway“. Die beiden haben mir doch tatsächlich angeboten, für den kompletten Zeitraum meiner Abwesenheit auf unser Schiff aufzupassen! Was kann man zu solch einer selbstlosen Hilfsbereitschaft noch sagen. Ich lehne dankend dieses Angebot ab mit dem Hinweis, dass nun Aton einen sicheren Platz hat. Wir verbringen Aton zur Marina und machen das Schiff an der zugewiesenen Boje fest. Mitten in den Aufräumarbeiten erreicht mich die Nachricht, dass Werner und Tina von der „Wind of Change“ momentan einen Leihwagen haben. Werner bietet mir an, meine Freunde und mich von der Marina abzuholen und zum Flughafen zu fahren. Abermals bin ich geplättet von der Hilfsbereitschaft dieser Seglerfreunde. Nachdem alle Arbeiten erledigt sind und Aton verschlossen ist, verabschiede ich mich von meinem Schiff. Ein Mitarbeiter der Marina holt uns mit einem Tender ab und bringt uns an Land. Dort wartet bereits Werner mit dem Leihwagen. Wir fahren zum Flughafen und ich verabschiede mich bei Werner und bedanke mich nochmals. Dann heißt es bye, bye Karibik. Ich komme bald wieder.


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