Aton macht Pause

Aton macht Pause

Michi

Erschöpft, aber froh, mit einem blauen Auge davongekommen zu sein, saßen wir nun im Cockpit und nahmen unseren Kurs gen Süden entlang St. Vincent wieder auf. Wir motorsegelten so eine Weile in der fast mondlosen Dunkelheit dahin. „Hoffentlich hält unsere Kupplung durch.“, bemerkte Franz. In den letzten Tagen hatten wir nämlich immer öfter bemerkt, dass das Einkuppeln merklich schwerer ging und von einem immer lauter werdenden, hässlichen Klack-Geräusch begleitet wurde.

Zwischenzeitlich hatte der Regen aufgehört und sich der Wind gelegt. Franz begutachtete gerade die beim Legen der Genua verbogene, untere Reffeinrichtung des Vorstages. Plötzlich kam er aufgeregt ins Cockpit. „Hier riecht doch etwas verkokelt, oder?“, fragte er mich. „Ja, ich rieche es auch. Mein Gott, was ist denn das nun wieder?“. Schnüffelnd durchsuchten wir unser schwimmendes Zuhause, um festzustellen woher der Geruch kam. Schließlich entdeckte Franz, dass das vordere Zweifarbenlicht, welches nachts anderen Schiffen unseren Kurs anzeigt, einen Kurzschluss hatte. Um die Gefahr eines Kabelbrandes zu vermeiden, schaltete Franz auch das weiße Rücklicht aus und unser Ankerlicht an der Mastspitze ein. Dieses ist zwar sehr schwach, aber war nun unsere einzige Möglichkeit, nicht gänzlich unsichtbar zu sein. Da der Schlaf mich nun übermannte, legte ich mich einige Stunden ins Bett; Franz hatte nachmittags schon vorgeschlafen. Um zwei Uhr nachts übernahm ich das Ruder und Franz legte sich hin.

Ein riesiger Frachter war aus der Ferne und im AIS zu sehen, dessen Kurs genau auf uns gerichtet war. „Auch das noch.“, dachte ich mir. Ich legte mir einen großen Scheinwerfer zurecht, mit dem ich unser Segel anleuchten konnte, damit uns der Frachter bei Kollisionsgefahr besser erkennt. Witzigerweise änderte der Frachter später aber seinen Kurs, wendete und fuhr dahin zurück, von wo er gekommen war. Seltsam, aber somit war auch diese Gefahr gebannt. Um fünf Uhr erreichten wir unser Ziel, und ich weckte Franz, damit wir das Großsegel bergen konnten. „Jetzt lege ich mich noch einmal hin, bis alle anderen da sind. Schließlich haben wir tagsüber noch volles Programm, da müssen wir fit sein.“. Als ich nach etwa einer Stunde traumlosen Schlafs wieder ins Cockpit kam, fand ich dort einen tropfnassen, triefenden Franz vor. „Jetzt hast Du den Regen Deines Lebens verpasst.“, empfing er mich. „Es hat sintflutartig geschüttet, ich konnte nicht einmal mehr den Mast sehen.“.

Franz
Als wir als erstes Schiff des Konvois unser Ziel erreicht, und unser Großsegel geborgen hatten, versuchte ich, unser Schiff in dieser Position zu halten, um auf die restlichen Schiffe zu warten. Hierfür nahm ich die Hilfe unseres dritten Crewmitglieds, des Autopiloten, in Anspruch. In langsamer Schleichfahrt gegen den Wind hielt er Aton stoisch mehr oder weniger auf der Stelle. Langsam dämmerte der Morgen und ich sah, wie sich über Carriacou eine immense Regenfront aufgebaut hatte und genau auf uns zu kam. Von einem Moment zum nächsten erreichten uns starke Windböen, was den Autopiloten in seiner Arbeit überforderte. Kaum hatte ich das Ruder wieder übernommen, öffneten sich die Schleusen des Himmels. Wasserfallartig wurde das Cockpit geflutet und nahm mir jegliche Sicht. Selbst das Atmen war mir nur noch möglich, indem ich meine Hand schützend über Mund und Nase hielt. Gottseidank hatten wir vorsichtshalber bereits das Bimini, ein Sonnenschutzsegel über dem Cockpit, geborgen, weil die starken Böen es sicherlich beschädigt hätten. Der Bildschirm des Plotters (ein Multifunktionsinstrument zur Navigation) wechselte permanent die Oberfläche, da die touch-screen-Funktion das aufprasselnde Wasser als meinen Fingerdruck erkannte. Somit hatte ich keine Sicht, und keine Information über Standort, Tiefe und Geschwindigkeit. Ich steuerte nur noch intuitiv bis das ganze Schauspiel nach zwanzig endlosen Minuten abebbte. So etwas hatte ich noch nie in meinem Leben erlebt.

Nachdem ich den Plotter wieder trocken gewischt hatte, sah ich auf dem AIS, dass die anderen Schiffe unseres Konvois zwischenzeitlich beinahe angekommen waren. Sowie endlich alle da waren, fuhren wir nach genauen Instruktionen des Mutterschiffs nacheinander in die Enge Einfahrt der Marina. Als wir am Dock anlegten, und die Vorleine bereits am Pöller festgemacht war, kuppelte ich den Motor kurzfristig aus. Um die Heckleine an die Helfer am Dock übergeben zu können, versuchte ich, den Rückwärtsgang einzulegen. Der Widerstand des Schalthebels war jedoch mittlerweile derart groß, dass ich es gerade so mit beiden Händen schaffte, ihn in die Rückwärtsposition zu ziehen. Dabei stellte sich fest, dass sich zwar die Drehzahl erhöhte, die Kupplung nun aber den Dienst endgültig quittiert hatte. Dies machte es mir unmöglich, die Antriebswelle einzukuppeln. Demzufolge erzeugte die Antriebsschraube keinen Vortrieb mehr. Gottseidank hatte die Kupplung noch genau bis hierher gehalten! Dennoch gelang es uns, Aton sicher am Dock festzumachen. Wir waren uns einig: „Erst fast das Rigg verloren, dann die Beleuchtung ausgefallen und zu guter Letzt auch noch die Kupplung, die auf dem letzten Meter aufgibt. Heute haben wir wieder einmal großes Glück im Unglück gehabt!“

Michi
Als wir mit dem Auskranen an der Reihe waren, wurden wir mit einem Schlauchboot zur Krananlage geschleppt. Da die strengen Regeln dieses Konvois uns untersagten, uns an Land zu bewegen, mussten wir während des Kranens an Bord bleiben, was unter normalen Umständen strikt untersagt ist. An unserem Lagerplatz für die nächsten Monate angekommen, arbeiteten wir einige Stunden in sengender Hitze hochkonzentriert daran, Aton für die Einlagerung vorzubereiten. Als alle Konvoi-Mitglieder damit fertig waren, verließen wir abends auf dem Mutterschiff Carriacou Richtung Martinique. Vollkommen erschöpft von den anstrengenden und aufregenden letzten 36 Stunden schliefen wir schon bald in unserer Koje ein.


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