Aton am Haken Teil 1

Aton am Haken Teil 1

Franz

Nachdem wir nun einige Tage in der Baie du Tresor verbracht haben und Michi alle Wanderwege im angrenzenden Naturschutzgebiet erkundet hatte, hieß es „Anker auf“. Da wir wieder unseren Süßwasservorrat in den Tanks auffüllen mussten und mittlerweile die einzige Jacht in dieser Bucht waren (die anderen Jachten hatten nach und nach die Bucht in unterschiedliche Richtungen verlassen), hatten wir uns entschlossen, eine neue Ankerbucht anzulaufen. Die Polizei hatte uns vor einigen Tagen registriert und uns unterwiesen, dass wir die Baie du Tresor nur zum Einkaufen verlassen dürfen und danach sofort wieder an unseren Ankerplatz zurückkommen müssen. Für den Fall, dass wir von den Sicherheitsbehörden kontrolliert werden würden, hatten Michi und ich uns Erklärungen einfallen lassen, die das Ankern in einer anderen Bucht als notwendig Maßnahme begründet hätte. Nach einem ausgiebigen Frühstück machten wir unser Schiff zum Auslaufen klar. Als alles verstaut, die Luken geschlossen, das Dinghi und die Badeleiter befestigt und das Cockpit aufgeräumt war, schaltete ich die Instrumente ein. Michi startete die Hauptmaschine und ich ging zum Anker. Meter für Meter holten wir die Ankerkette ein. Mit Mühe schaffte es unsere Ankerwinsch den sorgfältig eingegrabenen Anker aus dem Meeresgrund auszubrechen. Ich gab das Kommando „Schiff ist frei“ und Michi navigierte mit langsamer Fahrt Aton durch die enge Einfahrt zwischen den vorgelagerten Riffen aus der Bucht ins tiefere Wasser. Sowie wir das letzte Riff passiert hatten schlug uns eine kurze und steile Atlantikwelle entgegen. Damit wir genügend Wasser in unsere Tanks füllen konnten, entschlossen wir uns, für mindestens zwei Stunden mit dem Motor gegen den Wind in östliche Richtung hinaus in den Atlantik zu fahren. Da der Wassererzeuger mehr als 900 Watt benötigt, nutzten wir die starke Lichtmaschine unseres Motors zur Stromerzeugung.  Sowohl Wind als auch Welle standen exakt gegen uns. Wir dümpelten mit gerade einmal 2 – 3 Knoten Fahrt dahin. Als wir eine Wassertiefe von mehr als 25 Metern erreichten, schaltete ich den Wassermacher ein und begann damit, Süßwasser in unsere Tanks zu pumpen. Obwohl wir uns nun in tieferem Wasser befanden, mussten wir dennoch hochkonzentriert navigieren. Zum einen befinden sich entlang der komplette Ostküste Martiniques viele Untiefen und vorgelagerte Riffe, zum anderen legten Fischer genau zwischen den Riffen immer wieder Netze und Fischreusen aus. Die kleinen Schwimmer dieser Fischfangeinrichtungen sind zwischen den Wellenkämmen oftmals sehr schwer auszumachen. Nach zwei Stunden quälend langsamer Fahrt in einer ruppigen See setzten wir unser Hauptsegel und nahmen südlichen Kurs. Ich schaltete den Wassermacher ab und anschließen besprachen wir im Cockpit, welche Buch wir als nächstes anlaufen würden.

Wir waren gerade beim Studieren der Seekarte auf unserem Tablet als ich im Augenwinkel eine Bewegung im Wasser wahrnahm; ein Schwimmkörper einer dieser vermaledeiten Fischreusen. Ich stürzte mich auf den Gashebel am Steuerstand und drückte diesen in die Neutralposition, damit die Antriebswelle ausgekuppelt wurde. Danach richtete ich den Blick zurück auf den Schwimmkörper. Meine schlimmste Befürchtung bewahrheitete sich. Die beiden Plastikflaschen mit der Fischerleine begannen unserem Schiff zu folgen. Und es kam noch schlimmer. Urplötzlich verlangsamte sich unsere Fahrt und Aton stoppte auf. Das Ding ist am Meeresgrund verankert! Diese Erkenntnis traf mich wie ein Schlag. So eine Sch….e! Aton zerrte an dem fingerdicken Seil und spannte es, aber wir kamen nicht frei. Im nächsten Moment wurde mir bewusst, dass wir nach wie vor unter Segel fuhren. „Mist!“, schrie ich und hechtete durch unser Cockpit. An der Winsch für die Großschot angekommen, steckte ich die Winschkurbel auf und drehte wie ein Verrückter mit all meiner Kraft in höchster Eile, um die Großschot dicht zu ziehen.

Hier muss ich für alle Nichtsegler erklären, dass wir kurz vor diesem Ereignis auf einem Halbwindkurs unterwegs waren. Sprich, der Wind kam in etwas 90 Grad querab unserer Fahrtrichtung. Da wir nun von besagtem Seil gehalten wurden, richtete sich unser Schiff mehr und mehr nach dem Wind aus. Das bedeutet, dass der Windeinfallwinkel immer mehr nach hinten (achtern) auswanderte. Damit bekamen wir die Gefahr einer unfreiwilligen Halse. Bei den vorherrschenden mehr als 20 Knoten Wind würden wir dadurch unseren Großbaum sowie unsere Großschot zerstören. Das Bergen unseres Großsegels war unter den gegebenen Umständen ebenfalls nicht möglich, da beim Fallanlassen unserer Großfall sich das gelattete Großsegel in den Salingen des Mastes verfangen hätte, und wir danach mit ausgebreitetem Großsegel platt vor dem Wind hängen würden. Die Folgen wären nicht absehbar gewesen.

Zentimeter für Zentimeter gelang es mir nun, den Großbaum in die Mittellage zu bringen. Als dann Aton durch den Wind ging ruckte der Großbaum mit einem Schlag nach Backbord. Aber da ich den Weg stark verkürzt hatte, ging dies ohne einen Schaden zu erleiden. Da diese Gefahr nun vorerst gebannt war richtete ich nun meine ganze Aufmerksamkeit auf das Seil der Fischreuse.

Am Heck des Schiffes angekommen sah ich mich nun dem Problem ausgesetzt, dass das Seil der Reuse circa 1,5 Meter unter der Wasserlinie war. Außerdem schlug beständig eine im Mittel ein Meter hohe Atlantikwelle auf unsere Badeplattform. Das hört sich im ersten Augenblick nicht sehr dramatisch an, aber jede 10. Bis 15. Welle war dann mit bis zu 1,6 Meter deutlich höher. Das Heck von Aton hob sich an und krachte im nächsten Moment in das Wellental um danach wieder in die Höhe katapultiert zu werden. Ich besah mir die Situation und wog meine Möglichkeiten ab. Der erste Gedanke war; spring ins Wasser und schneide das Seil ab. Aber unter den gegebenen Umständen wäre das der glatte Selbstmord. Ich würde zum einen mit hoher Wahrscheinlichkeit von meinem eigenen Schiff erschlagen werden, zum anderen würde ich eine „Mann über Bord-Situation“ provozieren. Gelänge es mir das Seil durchzuschneiden, würde Aton vom Wind getrieben sofort davonfahren und mich sehr wahrscheinlich zu Tode hinterherschleppen. Somit kam dies für uns nicht in Frage. Ich musste irgendwie dieses vermaledeite Seil an die Wasseroberfläche bringen. Ich nahm mir einen Bootshaken  und versuchte an das Seil heranzukommen.
Da wir beide bereits unsere Rettungswesten angelegt hatten, piekte ich meine Rettungsleine an der Reling ein und lehnte mich über den Rand der Badeplattform. Dabei hob und senkte sich das Heck Atons im Rhythmus der heranrauschenden Wellenberge. Nach etlichen Versuchen gelang es mir schließlich, mit dem Bootshaken das Seil zu greifen. Mit aller Kraft zog ich nun daran. Plötzlich ein Ruck und ich flog an die Heck Reling. In meiner Rechten hielt ich den Gummigriff unseres Bootshakens. Den Rest sahen wir nach und nach im Meer versinken. Nun hatten wir nur noch einen Ersatzbootshaken an Bord. Mir war schlagartig bewusst, dass die Zugkraft auf das Seil für mich viel zu hoch war, um mit meiner Hand dieses Seil an Bord hieven zu können. Aber wie sollte ich das bewerkstelligen. Da hatte ich den rettenden Einfall. Ich kramte aus dem Dinghi-Fach den Anker unseres Schlauchbootes hervor.
Die Seil-öse hatte einen Durchmesser von 10 Millimeter. Nun nahm ich ein ebenso dickes Seil, fädelte es durch und verknotete es mit einem Palsteeg. Das andere Ende band ich an die Reling. Nun ließ ich den Anker neben dem Fischerseil sinken und zog dann an. Ich spürte den Wiederstand, geschafft.

Nun übergab ich die Leine an Michi. „Leg es über die Backbordwisch und zieh das Seil hoch“.  Michi nahm die Leine des Dinghi-Ankers und belegte damit die elektrisch betriebene Winsch. Dann betätigte sie den Knopf. Nach ein paar Umdrehungen spannte sich die dünne Leine bedenklich bis sie an der Klemmeinrichtung der Winsch durchzurutschen begann. Ich schrie „Halt, sonst reißt uns der Bänsel“. Michi stoppte augenblicklich. Wir besahen uns das Resultat. Das Seil, welches uns fest hielt, war nun nur noch einen knappen Meter unter der Wasseroberfläche, aber immer noch zu tief, um es abzuschneiden. Wir brauchten ein stärkeres Seil. Ich nahm eine unserer Festmacherleinen und band das eine Ende an die Reling. Am Ende fertigte ich eine Schlaufe mit einem Palsteeg. Dieser Tampen war schwer. Ich ließ ihn nun neben der Fischleine absinken. Mit dem letzten, uns noch verbliebenen, Bootshaken fischte ich in der brodelnden See nach dieser Schlaufe. Während dieser Aktion hielt mich Michi zusätzlich an meiner Rettungsweste, damit ich nicht über Bord gehen konnte. Genau in diesem Moment tauchte Aton in ein tiefes Wellental um im nächsten Augenblick von einer besonders hohen Welle überspült zu werden. Mir riss es fast die Beine weg. Aber ich konnte mich mit meiner freien Hand an der Reling festhalten. Ich machte einen neuen Versuch und plötzlich hatte ich die Schlinge. Sofort holte ich sie auf und belegte damit die Steuerbordwinsch. Wieder zog die Winsch an und dieses Mal gelang es uns, das Fischerseil näher an die Wasseroberfläche zu befördern. Geschafft, aber jetzt schnell abschneiden. Zuerst band ich ein Messer an den Bootshaken und versuchte so, das Seil abzuschneiden.
Nach ein paar Minuten gab ich dieses Vorhaben auf, denn es klappte nicht. Dann besann ich mich und holte unseren Wantenschneider (eine handelsübliche Bolzenschere) aus der Backskiste. Damit bewaffnet lehnte ich mich nochmals über Bord und wartete die richtige Welle ab. Als sich das Heck Atons wieder einmal tief in ein Wellental absenkte, setzte ich beherzt die Bolzenschere an und presste beide Betätigungshebel gegeneinander. Mit einem peitschenden Knall gab uns die Reuse frei. Endlich, geschafft! Michi und ich fielen uns in die Arme. Wir küssten uns und klatschten uns ab. Die beiden Plastikflaschen, die als Schwimmer für die Fischerleine dienten und der Teil der Leine, welche sich immer noch an unserer Antriebsschraube befand, folgten nun unserem Schiff und erinnerten mich schmerzlich daran, dass wir nur noch segelnder Weise eine schützende Bucht anlaufen konnten. Jetzt hieß es, rechtzeitig einen Kurs zu stecken. Wir verließen die Badeplattform und durchquerten unser Cockpit, um unser Hauptsegel in die richtige Stellung zum Wind zu bringen. Als ich einen Blick auf unser Rigg warf, konnte ich im ersten Moment die Szenerie, die sich mir bot, erst nicht deuten. Als mir aber klar wurde was ich jetzt sah, traf mich die Erkenntnis wie ein Schlag ins Gesicht. Unser Hauptsegel war mitten durchgerissen!

Fortsetzung folgt.


2 Replies to “Aton am Haken Teil 1”

  1. Hallo ihr zwei Piraten, ba ihr lasst aber auch kein Abenteuer aus! Trotzdem schön von euch zu hören/lesen, dass es euch gut geht, gesund seid und bald auch wieder nach old Germany kommt…Viele Grüße und bis bald!

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