28.03.2019 Unsere erste Nachtfahrt unter Segel

28.03.2019 Unsere erste Nachtfahrt unter Segel

Franz
Ohne Frühstück lichteten wir den Anker und fuhren durch die enge Riffdurchfahrt. Der offene Atlantik empfing uns mit riesigen, brechenden Wellen exakt an der Engstelle der Fahrrinne. Links und rechts von uns konnten wir das Riff sehen, an dem die mächtigen, vom Wind aufgepeitschten Wogen mit lautem Getöse brachen. Hunderte von Tonnen Salzwasser, die mit jeder Welle auf die Korallenbänke krachten. Würden wir die Kontrolle über unser Schiff jetzt verlieren, wären wir und Aton verloren. Ich versuchte das Schiff so auszurichten, dass wir die Wellen direkt gegenan hatten. Wenn mir auch nur der kleinste Fehler beim Steuern des Schiffes unterlief und das Schiff querschlagen würde, wäre es aus. Die erste Woge die uns traf, hob Atons Bug mehrere Meter an. Mit Vollgas versuchte ich diese Wellenberge zu erklimmen. Ein kurzer Blick auf meine Geschwindigkeitsanzeige sagte mir, dass ich gerade einmal mit 2 Knoten Fahrt durch die Brandung schlich. Brecher für Brecher kämpften wir uns langsam aus dem Brandungsbereich heraus. Ein Blick auf meinen Plotter verriet mir, dass wir die Riffdurchfahrt gemeistert hatten. Mit zunehmender Wassertiefe wurden die Wellen länger und flacher. Als wir genügend Abstand zum Ufer hatten, setzten wir die Segel und fuhren hart am Wind in Richtung des nahen Nord/Ost-Kaps. Langsam ließ die Anspannung nach. Als wir dann das Kapp umrundet hatten, setzten wir einen neuen Kurs auf Rum Cay, das 37 Seemeilen entfernt lag. Dies war etwa die Hälfte des Weges bis zu unserem eigentlichen Ziel, Samana Cay. Mit halbem Wind rauschten wir dahin. Ich programmierte den Autopiloten und dann machte ich uns ein Frühstück. Mit der Tasse heißem Kaffee in der Hand saßen wir nun im Cockpit und sahen Long Island am Horizont langsam verschwinden. Die Ereignisse der vergangenen Nacht zeigten nun ihre Wirkung. Immer wieder fielen wir in einen Dämmerschlaf, mal der Eine, mal der Andere. Als wir nachmittags Rum Cay erreichten, ließen wir den Anker fallen und holten etwas Schlaf nach. Da wir nun den Wind hatten, den wir für unseren großen Schlag nach Samana Cay brauchten, entschlossen wir uns, drei Stunden später, weiterzusegeln.

Nachdem wir uns etwas gestärkt hatten, lichteten wir um 18:25 den Anker und verließen die Insel Richtung Ost/Süd-Ost. Auf uns wartete der erste Nachtschlag mit einer Distanz von über 70 sm. Da uns unser Wetterdienst in letzter Zeit oft im Stich gelassen hatte, konnten wir nun unsere bevorstehende Wettersituation schlecht einschätzen. Wie lange würden wir für diese Überfahrt brauchen? Würde der Wind einschlafen oder stärker als vorhergesagt wehen? Würde die Windrichtung so bleiben? Fragen über Fragen. Jetzt hieß es: Augen zu und durch! Das Wetter-App hatte 8 – 10 Knoten Wind aus Nord vorhergesagt, was für uns einen Raumschotkurs mit viel Motorfahrt bedeutet hätte. Ohne die Windgeschwindigkeit beweisen zu können (wir haben ja leider unser Windmessgerät bei der ersten Sturmfahrt verloren), blies nun der Wind aus Nord/Nord-Ost und wir fuhren mit Fock- und Großsegel mit durchschnittlich 7 Knoten Fahrt einen Halbwindkurs. Wir machten unser „Running Light“ (Positionslampen) an und segelten in ein wahnsinniges Abendrot. Wir regelten unseren Wachablauf (wer, wie lang, was ist zu tun) und da ich freiwillig die Hundewache (von Mitternacht bis 04:00) übernahm, legte ich mich zeitig schlafen. Kurz vor Mitternacht wachte ich auf und besprach mit Michi die Vorkommnisse. Mein Schatz sagte mir, sie würde gerne noch eine Stunde weiter machen. Somit legte ich mich nochmals schlafen. Um 01:00 tauschten wir uns kurz aus und ich begann mit meiner Schicht. Das hieß: alle 20 Minuten der Rundumblick, Windrichtung und Segelstellung kontrollieren, der Blick auf den Plotter (Kurs, AIS-Schiffe), dann an den Kartentisch und die Daten (Uhrzeit, Kurs, Standort, Geschwindigkeit) ins Logbuch eintragen und der Blick aufs Barometer, um eine bevorstehende Wetteränderung rechtzeitig zu bemerken. Sowie dies getan war konnte ich meine Gedanken baumeln lassen. Eine Fahrt durch die Nacht ist in vielerlei Hinsicht anders, als bei Tageslicht. Durch die Finsternis werden die Sinne geschärft. Man fühlt die Bewegung des Schiffes. Während ich auf meinem Lieblingsplatz, gegen die Fahrtrichtung nach hinten blickend, auf unserer Cockpitsitzbank Platz genommen hatte, sah ich den weißen Schaum des Wassers an mir vorbeirauschen. Mit knapp 8 Knoten Fahrt durch die stockfinstere Nacht ist das Erleben der Geschwindigkeit deutlich intensiver als bei Tag. Die schwankende Bewegung Atons durch die Wellen bei leichter Kränkung (die Neigung des Schiffs in der Längsachse zu einer Seite) durch den Winddruck ließen mich ehrfürchtig werden. Das fehlende Mondlicht (bisher hatten wir Nacht für Nacht das intensive Mondlicht bewundert) und der bewölkte Himmel schränkten meine Sicht stark ein. Immer wieder suchte ich den Horizont nach Lichterscheinungen ab, konnte aber nichts als schwarze Nacht erkennen. Wir hatten den Plotter und das AIS auf 22 sm eingestellt, um frühzeitig Fahrzeuge erkennen zu können. Nach anfänglicher Unsicherheit, in der ich in kurzen Abständen die Umgebung absuchte, stellte sich mehr und mehr eine innere Ruhe ein. Langsam wich die innere Erregung einer Routine. So verging Stunde um Stunde. Zwischenzeitlich setzte ich mich an den Kartentisch und las in meinem E-Book. Als ich um 03:40 wieder meine Runde machen wollte und nach oben ging, bekam ich einen riesen Schreck. Genau vor uns in der Fahrlinie befand sich etwas, das scheinbar mit einem Scheinwerfer ins Wasser leuchtete. Mein erster Gedanke war, dass es sich um ein fischendes Boot handeln musste. Die Entfernung konnte ich nicht einschätzen, aber nach der Größe des Scheinwerfers zu urteilen, musste das Fahrzeug sehr nahe sein. Ich stürzte zum Plotter um die genaue Position und Entfernung zu ermitteln. Aber auf dem Bildschirm war kein Schiff zu erkennen. Um das Radar zu starten, benötigte ich mindestens zwei Minuten für die Aufwärmzeit. Somit entschloss ich mich kurzerhand den Autopiloten auszuschalten und das Ruder herumzureißen. Nachdem ich mit neuem Kurs keine Kollisionsgefahr mehr hatte, peilte ich die Leuchterscheinung an und beobachtete sie weiter. Trotz hohem Eigentempos schien sich der Abstand nicht zu verkürzen. Entweder bewegte sich das Objekt in die gleiche Richtung wie wir, oder das Objekt war sehr groß. Plötzlich kam eine Veränderung zustande. Der Scheinwerfer schien seinen Leuchtstrahl zu verlängern, ohne seinen Winkel zu verändern. Und mit einem Mal war mir klar, um was es sich handelte. Eine vorgelagerte Wolke machte den aufgehenden Mond frei, der nun mit einem silbernen Strahl unsere Fahrlinie beleuchtete. Ich musste laut auflachen. Mit wenigen Handgriffen stellte ich wieder unseren alten Kurs her. Der Rest der Nacht verlief ohne weitere Vorkommnisse. Als dann der Morgen graute, konnte ich am Horizont Samana Cay ausmachen. Wenig später war auch Michi erwacht. Ich erzählte ihr mein Monderlebnis. Wir lachten herzlich und ich versprach ihr, dies in unserem Reisebericht zu erwähnen. Nach 107 sm ließen wir um 07:15 auf Samana Cay den Anker fallen.


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.